Sahara Geiseln frei!
Datum: Dienstag, 19.August. @ 11:11:47 CEST
Thema: Outdoor Team-News


Die seit Ende Februar entführten, restlichen 14 Sahara-Geiseln sind frei!

Sie dürften im Laufe des heutigen Abends von der Wüstenstadt Gao nach Bamako (Mali) und anschliessend nach Deutschland überführt werden. Man rechnet mit der Ankunft am Mittwoch morgen in Köln. Den Entführten geht es nach Aussage des deutschen Aussenministeriums besser, als zuerst angenommen wurde.

Während in der Schweiz davon ausgegangen wird, dass die Saharareisenden keine Schuld an Ihrer Entführung trifft, ist man in Deutschland offenbar geteilter Meinung. Es mehren sich Stimmen aus der Politik, die eine Kostenbeteiligung der Entührungsopfer fordern. Unser Kommentar dazu findet sich auf der folgenden Seite

Zu allererst mal: Ein herzliches Willkommen zu Hause! Wir freuen uns für Euch und Eure Angehörigen!

Für eine der Geiseln, der zweifachen Mutter Michaela Spitzer (graues Portraitfoto) kam die Befreiung jedoch zu spät: Sie verstarb an den Strapazen und hinterlässt ihre zwei Töchter Judith (14) und Ruth (10).

Zur Unterstützung der Töchter wurde eine Spendensammlung eingerichtet. Der Verwendungszweck der Sammlung umfasst im Wesentlichen:

  • Soforthilfe
  • Bestmögliche Ausbildung
  • Das gesammelte geld kommt ausschliesslich den Kindern zu Gute

Bankverbindung:

Kontoinhaber:
Stadt Augsburg
Bank:
Stadtsparkasse Augsburg
Bankleitzahl:
72 050 000
Kontonummer:
240 349 829
Stichwort:
KINDERHILFE
Treuhänder:
Klaus Kirchner, 2.Bürgermeister der Stadt Augsburg

Auch wenn den Enführten grossteils eine Welle der Sympathie engegenschlägt, mehren sich insbesondere in Deutschland kritische Stimmen von offizieller Seite.

So äusserte sich der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach in der "Financial Times Deutschland" dafür aus, von entführten Touristen in bestimmten Fällen die Kosten für ihre Rettung zurückzufordern. Zitat: "Wer sich leichtfertig und um des Nervenkitzels willen in Gefahr bringt, muss auch damit rechnen, das er an den Kosten für die Rettung beteiligt wird".

Genau! Wer Abenteuer will - was immer Herr Bosbach als Abenteuer definiert - kann ja Fernsehen. Wir bitten Herrn Bosbach und andere Personen, mit ähnlich fundierten Sachkenntnissen der Situation im Maghreb, neben diesen irrwitzigen Touren sich ferner für eine Kostenbeteiligung bei Verletzungen, die beim Ausüben folgender Sportarten und Tätigkeiten resultieren, einzusetzen:

Fussball: Jedes Jahr verletzen sich bei Plauschturnieren und in den Freizeitligen Tausende von Hobbykickern. Die Verletzungen verursachen dem Gesundheitswesen Kosten in Millionenhöhe und verringern die volkswirtschaftliche Effizienz.

Bergsport: Jedes Jahr verunglücken Bergsportler in den Alpen. Wieso sich in unsicheres Gelände wagen? Ein Spaziergang am Fluss entlang tut es genauso. (Bitte nicht bei starkem Regen, bei Überschwemmungen droht die Gefahr zu ertrinken)

Badeferien: Es droht die Gefahr des Ertrinkens und von herabfallenden Gegenständen an sogenannten "Traumstränden", siehe hierzu auch unseren Artikel.

Absurd? Keinesfalls! Jede der obengenannten Freizeitaktivität ist statistisch gesehen risikoreicher, als ein Trip durch die Sahara. Trotzdem (und zum Glück!) käme niemand auch nur im Traum auf die Idee, hier eine Beteiligung der Kosten zu verlangen, wie dies bei den entführten Sahara Geiseln offenbar lautstark gefordert wird.

Es ist mitunter schon erstaunlich, wie in den letzten Jahren vermeintliche Risikogruppen kreiert wurden. Nebst Bungeejumpin (weltweit sind gerademal gut ein Dutzend Unfälle dokumentiert), Kajakfahren, und Wildwassersport im allgemeinen (Schweiz) platziert sich nun also das Reisen in die Sahara auf die Liste von furchtbar gefährlichen und der Gemeinschaft kostenverursachenden Freizeitaktivitäten - zumindest in Deutschland. Die Tatsache, dass ausschliesslich Gruppierungen ohne starke Lobby unter Beschuss geraten, lässt uns sowohl an der Ehrwürdigkeit des Unterfangens, wie auch an der Courage der entsprechenden Meinungsmachern zweifeln.

Wir werten die Äusserungen von Herrn Bosbach als inkompetent. Für Südalgerien bestand zum Zeitpunkt der Entführung ABSOLUT KEINE REISEWARNUNG VON OFFIZIELLER SEITE. Dies auch zurecht - vor dem Ereignis ist kein ähnlicher Fall dokumentiert. Das "Argument" mit der momentanen Spannung zwischen islamischen und "westlichen"Ländern ist keines. Ein Boykott aller islamischen Länder als Reiseziel würde wohl kaum zur Entspannung zwischen den Kulturen beitragen. Soll man von Reisen ins thailändische Phuket (über 50% Islamische Glaubensangehörige) oder an die Südküste der Türkei abraten?

Reisen in die Sahara sind ein kalkulierbares Risiko, genauso wie Bergsteigen oder Skifahren. Die entführten Geiseln verfügten über eine solide Ausrüstung und waren erfahren - die Gräberpiste gilt als gut dokumentiert und galt als sicher.

Das es sich bei Saharareisenden nicht um lebensmüde und waghalsige Draufgänger handelt, war bei einem Afrikafahrertreffen Anfangs August offensichtlich: Von einer Befahrung Algeriens zum jetzigen Zeitpunkt wird klar abgeraten und selbst an sich unkritische und dem Pauschaltourismus zugängliche Destinationen wie Marokko wurden hinterfragt. Das jetzige Szenario über die Debatten und Abstimmungen auf diversen Webseiten, die Diskussionen über das Selbertragen der resultierenden Kosten der Opfer und dem Herumwerfen von Schlagworten wie "Vollkaskoreisen" sind peinlich, weil pauschal.

Angst und die daraus resultierende Vorsicht basiert auf einer subjektiven Wahrnehmung der Umgebung, die jeder individuell interpretiert. Unmöglich, hier eine Definition zu kreieren, die klar abgrenzt, was wirklich gefährlich ist und was nicht.

Übergriffe auf Reisende wird es auch in Zukunft geben; machen wir uns keinerlei Illusionen! Ob es sich dabei um einen Angriff mit Verletzungsfolgen auf einen Pauschaltouristen an einem Badeort handelt, oder um eine Entführung in einem abgelegenen Gebiet ist sekundär, aber im Ernst: Mit wieviel Angst im Hinterkopf wollen wir wirklich Leben? Angst im Sinne von Vorsicht bewahrt uns vor Leichtfertigkeit, andererseits ist übermässige Angst auch beklemmend und lähmend - die Grenzen hier sind fliessend.

Für uns klingen die obengenannten Statements typisch für "weitgereiste Leute", die nie die vermeintlich sichere Umgebung Ihres Luxushotels verlassen haben, die sich Normalverdienende, und dazu zählen wir 95% der Bevölkerung, nicht leisten können. Zudem empfinden wir solche Äusserungen, zu einem Zeitpunkt, in der die Geiseln noch nicht einmal zu Hause bei ihren Familien sind als Zumutung und Pietätlosigkeit.

Die Aussage zielt ausserdem in die falsche Richtung: Die Frage stellt sich vielmehr, wie Saharareisen sicherer werden könnten. Eine Aussage eines Besuchers am Voodoo-Treff Mitte August hat uns eigentlich ganz gut gefallen: Sahara-Reisende sollten, statt mit vollbepacktem Fahrzeug vollkommen unplugged von der existierenden Infrastruktur vermehrt in lokalen Märkten einkaufen und des öfteren kleine Hotels oder Campgrounds benutzen.

Nur wenn die lokale Bevölkerung einen Gegenwert von uns Reisenden erhält, wird sich auch eine Lobby entwickeln, die Ausschreitungen und Agressionen gegenüber uns Touristen in die Schranken zu weisen versteht. Hier einen progressiven Schritt nach vorne zu machen, anstatt aus Angst zu (-über)agieren scheint nicht nur weitaus sinnvoller, sondern passt doch auch ausgezeichnet zu den jeweils vermittelten Inhalten auf diversen Wahlplakaten, oder?


Hinweis: Die obengenannte Meinung muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. Sie vermittelt lediglich die subkektive Meinung des Authors und muss nicht zwangsläufig der Wahrheit entsprechen.

Nichtsdestotrotz ist zu beachten, dass sich viele von offizieller und inoffizieller Seite her mit beharrlicher Konsequenz und grossem persönlichen Aufwand für die Befreiung der Geiseln eingesetzt haben.





Dieser Artikel kommt von OUTDOOR.ch
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