Gletscherschlucht Grindelwald: Was der Gletscher zurückliess
Grindelwald sehen alle von oben. Vom Jungfraujoch, von First, von der Männlichenbahn. Blick nach oben, Blick in die Ferne, Blick auf die Eigernordwand.
Die Gletscherschlucht ist das Gegenteil davon.
Der Ort, den ein Gletscher zurückgelassen hat
Um 1600 sah es hier anders aus. Der Untere Grindelwaldgletscher stand auf seinem historischen Höchststand. Die Eiszunge reichte bis unter 1'000 Meter über Meer, tiefer als jedes Schweizer Dorf heute. Teile von Grindelwald mussten verlegt werden, weil der Gletscher, wie ein zeitgenössischer Bericht schreibt, "ein Haus nach dem anderen überfuhr". Die heutige Schlucht war damals komplett mit Eis gefüllt.
Dann zog sich das Eis zurück. Langsam, über Jahrhunderte. Was zum Vorschein kam, ist das, was du heute durchgehst: ein Kilometer Felswände, zwischen denen früher Eis lag, in dem früher die Weisse Lütschine floss, die noch heute Gletschermilch führt. Die charakteristische milchig-weisse Farbe des Wassers kommt von feinen Gesteinspartikeln, die der Gletscher mitgerissen hat. Du siehst es, sobald du auf den Steg trittst.
Zwischen diesen Wänden bist du in zwei Stunden durch. Der Gletscher hat Jahrtausende gebraucht.
Was dich erwartet, Schritt für Schritt
Am Eingang kaufst du dein Ticket. Der Eintritt beinhaltet auch das Kristallmuseum beim Ausgang. Keine Voranmeldung, keine Reservation. Dann gehst du los.
Die ersten Meter: Der Wechsel passiert schnell. Draussen: Sommer, Sonne, Almwiesen. Drinnen: 10 Grad, feuchte Luft, das Rauschen der Lütschine von unten. Die Wände schliessen sich. Das Licht verändert sich.
Die Stege und Tunnel: Der Weg führt etwa einen Kilometer hinein, auf gesicherten Holzstegen, durch mehrere Tunnel und natürliche Felskorridore. Die Gänge sind eng, gut beleuchtet und mit Geländern gesichert. Keine Ausrüstung nötig, keine Trittsicherheit für Klettergelände. Es ist ein Spazierweg. Nur eben in einem Felsen.
Die Themenstationen: Entlang des Weges gibt es sechs Infostationen: Geologie, Wasser, Gletscher, Marmor, Mythen. Lesbar oder ignorierbar, je nach verfügbarer Zeit. Aber eins lohnt sich zu wissen: Die farbigen Lagen an den Wänden sind Marmor. Rosa, grüner und schwarzer Marmor, jahrhundertelang unter dem Eis, erst um 1864 freigelegt, als der Gletscher sich zurückzog. Die Schlucht ist eine der wenigen Stellen in den Alpen, an denen du diesen bunten Marmor direkt im Gestein siehst, nicht im Museum.
Das Spiderweb: Das Highlight. 170 Quadratmeter Netz, gespannt 7 Meter über der Lütschine. Du kannst drauf. Kein Harnisch, keine Einweisung. Das Netz gibt leicht nach, der Fluss ist direkt unter dir, die Wände links und rechts.
7 Meter unter dir: die Lütschine. Über dir: nichts als Netz.
Kinder rennen rein. Erwachsene kommen ruhiger raus.
Weiter durch die Schlucht: Nach dem Spiderweb führt der Weg durch einen Tunnel, dann durch eine Galerie, die tief in den Fels geschnitten ist. An den Wänden siehst du Schleifspuren des ehemaligen Gletschers: glattgeschliffene Stellen, an denen Eis jahrhundertelang mit Druck und mitgeschleppten Steinen gearbeitet hat.
Am Ende: Du kehrst um und gehst denselben Weg zurück. Beim Ausgang: Kristallmuseum mit lokalen Mineralfunden aus dem UNESCO-Welterbe Jungfrau-Aletsch, ein Shop und das Café Gletscherschlucht.
Das Spiderweb: warum es anders ist
Auf dem Netz stehst du nicht auf einem Boden. Es gibt keinen festen Untergrund, kein Geländer direkt vor dir. Das Netz bewegt sich, wenn du dich bewegst. Die Lütschine ist 7 Meter unter dir, die Felswände auf beiden Seiten.
Das ist kein Aussichtspunkt. Du stehst nicht drüber. Du bist mittendrin.
Und du stehst an einem Ort, an dem bis vor wenigen Jahrhunderten Eis war. Nicht Wasser, nicht Luft, nicht Steg. Eis. Der Raum, den du gerade einnimmst, war jahrhundertelang Teil des Gletschers.
Das Spiderweb ist die einzige Installation dieser Art in einer Schweizer Schlucht. Andere Schluchten haben Stege, Brücken, Aussichtsplattformen. Grindelwald ist das einzige, das dir erlaubt, direkt über dem Fluss zu stehen, ohne festen Boden.
Wenn das Spiderweb nicht reicht: der Canyon Swing
Wer das Spiderweb kennt und mehr will, findet es direkt in der Schlucht. Der Canyon Swing startet von einer Plattform 90 Meter über dem Schluchtboden. Freier Fall von etwa 50 Metern, dann bis zu 120 km/h als Pendel durch die engen Felswände. Sitzend, Beine zuerst.
Es ist kein klassischer Bungee-Sprung. Du schaust nicht in einen Abgrund, du schaust in die Schlucht. Der Swing führt durch das enge Felstal. Das ist der Unterschied.
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Die Geschichte, die hier liegt
Der Untere Grindelwaldgletscher ist vielleicht der am besten dokumentierte Rückzug der Alpen. Caspar Wolf, der Schweizer Landschaftsmaler, hielt ihn 1774 und 1777 fest, als die Eiszunge noch bis weit ins Tal reichte. Auf seinen Bildern sind Eistürme zu sehen, die seit über einem Jahrhundert nicht mehr existieren.
1863, als das Eis sich erneut zurückzog, begann ein ungewöhnliches Geschäft. Die Berner Firma Schegg & Böhlen erhielt die Konzession, Gletschereis kommerziell abzubauen. Blöcke wurden aus der Zunge gesägt, mit dem Fuhrwerk nach Interlaken transportiert und von dort per Bahn weiterversandt. Bis nach Paris, wo das Eis in Restaurants und Hotels als Kühlmittel diente. Im Rekordjahr 1864 wurden über 17'000 Zentner Gletschereis exportiert. Der Industriezweig endete erst 1914 mit der Verbreitung künstlicher Kühlung.
Im selben Jahr, 1864, entdeckte der Berner Geologe Edmund von Fellenberg den rosafarbenen Marmor in den Wänden. Davor war er wegen des vorstossenden Eises immer wieder unzugänglich gewesen.
Du siehst diese Geschichte nicht mit einem Blick. Aber du gehst durch sie hindurch, in Stegen, die 2015 renoviert wurden, an Wänden, die jeden Frühling von Bergführern an Seilen nach losen Steinen kontrolliert werden. Die Schlucht ist kein Museum. Sie wird instandgehalten, weil sie sich sonst zurückholen würde, was Menschen ihr abgerungen haben.
Warum die Schlucht bei Regen besser ist
Die meisten Attraktionen in Grindelwald brauchen Sicht. First, Jungfraujoch, Männlichen: wenn die Wolken hängen, bleibt der Blick weg.
Die Schlucht funktioniert anders. Bei Regen werden die Wasserfälle stärker, die Wände nasser, das Licht dramatischer. Der Wechsel zwischen hell und dunkel wird härter. Das Rauschen der Lütschine wird lauter. Auch die Temperatur ändert sich kaum: In der Schlucht sind es immer rund 10 Grad, bei 30 Grad Aussentemperatur fühlt sich das wie eine Erlösung an, bei 10 Grad draussen wie eine nasse Höhle.
Wenn also oben die Wolken sitzen, ist die Schlucht nicht der Plan B. Sie ist dann ihr eigener Plan A.
Für wen sie funktioniert
Die Gletscherschlucht hat keine Altersbeschränkung. Kinder unter 6 Jahren zahlen keinen Eintritt. Kinderwagen sind auf grossen Teilen des Weges möglich. Mit dem Rollstuhl kommt man problemlos bis etwa zwei Drittel der Strecke. Hunde sind erlaubt, aber an der Leine. Für den 2 Kilometer langen Weg (hin und zurück) reicht normale Fitness, kaum Steigung.
Die Schlucht ist eine der wenigen Aktivitäten in der Region, die für alle funktioniert: Familien mit Kleinkindern, ältere Besucher, Reisegruppen mit unterschiedlichem Fitnesslevel. Keine Buchung nötig, keine Zeit zu verpassen, keine Vorbereitung.
Was du wissen musst
Saison | Mai bis November |
Öffnungszeiten | Täglich, im Sommer bis 20:00 Uhr |
Dauer | 1–2 Stunden |
Erwachsene | CHF 21 |
Kinder (6–16 Jahre) | CHF 11 |
Unter 6 Jahren | Gratis |
Gruppe (ab 10 Pers.) | CHF 19 |
Schulgruppen (ab 10 Pers.) | CHF 9 |
Gästekarte-Reduktion | CHF 2 pro Person |
Ticketkauf | Vor Ort am Eingang |
Adresse | Gletscherschlucht 1, 3818 Grindelwald |
Anreise:
- Bus 122 ab Bahnhof Grindelwald bis Haltestelle Gletscherschlucht (direkt beim Eingang). Fahrzeit ca. 15 Minuten. Mit Grindelwalder Gästekarte kostenlos.
- Bus 120 ab Grindelwald Terminal bis Haltestelle Aspi/Golf, dann 5–10 Minuten Fussweg.
- Zu Fuss rund 30 Minuten flacher Spaziergang vom Dorfzentrum.
- Auto: Begrenzte Anzahl kostenpflichtiger Parkplätze direkt vor Ort. Wenn belegt: Parkhaus Grindelwald Terminal, von dort Bus 120.
Was du mitbringst:
- Warme Jacke (auch im Sommer: in der Schlucht sind konstant ca. 10 Grad)
- Festes Schuhwerk mit rutschfester Sohle (die Stege können nass sein)
- Kamera oder Actioncam (Drohnen sind nicht erlaubt)
Im Preis inbegriffen:
- Eintritt Gletscherschlucht
- Zugang Kristallmuseum
Jetzt besuchen
Die Gletscherschlucht Grindelwald ist von Mai bis November täglich geöffnet. Im Sommer bis 20:00 Uhr. Tickets direkt vor Ort am Eingang, keine Voranmeldung nötig.







