Rotstock-Klettersteig
Rotstock Klettersteig
Vom Windows zum Abenteuer
Die morgendliche E-Mail erinnert mich daran, einen Artikel über einen Klettersteig zu verfassen. Als Marketingleiter bei OUTDOOR sollte mir das bewusst sein – schliesslich habe ich mir diese Aufgabe selbst vor Monaten zugewiesen.
Marketingexpertinnen und -experten predigen stets, man solle sein Produkt gründlich testen. Doch diese Weisheiten klingen in Seminarräumen oft besser als in einem nach Kaffee und Deadlines riechenden Büro. Ich muss grinsen: Im unteren Stock die Abenteurerinnen und Abenteurer, stets bereit für Bergtouren, Rafting oder Canyoning, während ich hier oben sitze und meinen Computer mit Ideen füttere, um mehr Gäste in die Berge zu locken.
Beides ständig im Blick, aber statt in der Natur, navigiere ich durch Windows 11. Und nun, da ich diese Ratschläge befolgen möchte, mache ich mir Sorgen um anstehende Termine. Der Rotstock-Klettersteig ist nicht nur klangvoll, sondern erfordert auch sorgfältige Planung. Zwischen E-Mails und Meetings plane ich die Route, lade GPS-Daten herunter, lese Erfahrungsberichte und packe meine Ausrüstung zusammen, die deutlich weniger Bürozeit hinter sich hat als ich. Mein letzter ernsthafter Klettersteig liegt… nun ja, schon eine Weile zurück.
Steiler Einstieg
Bereits der Einstieg verspricht Nervenkitzel: steil, anspruchsvoll und definitiv nichts für schwache Nerven oder Menschen mit Höhenangst. Mehrere Leitern führen fast senkrecht die Wand hinauf. Nach diesem buchstäblich steilen Einstieg folgt eine kleine Plattform – der ideale Ort für eine Pause und um die atemberaubende Aussicht zu geniessen. Für alle, die wie ich mit einem Videografen unterwegs sind: Hier ist die perfekte Gelegenheit, sich zurückzulehnen, das Panorama aufzunehmen und den ungeduldigen Kletterinnen und Kletterern den Vortritt zu lassen.
Die Route windet sich weiter entlang der rechten Seite einer tiefen Schlucht, vorbei an einem alten Stollenloch, ein Relikt vergangener Zeiten. Tatsächlich war dieser Ort bis 1903 Endpunkt der Jungfraubahn. Von hier aus erklommen Gäste damals den Rotstock, jedoch ohne jegliche Sicherung und mit einfachsten Mitteln!
Vom Terminal zum Eigergletscher
Der Zug zum Terminal in Grindelwald ist zu dieser Zeit erfreulich leer. Lukas, unser allgegenwärtiger Content Creator, wartet bereits mit seiner Kamera auf mich, und ich hoffe heimlich, dass er einen passenden Filter für „morgendliche Unzulänglichkeiten" hat. Überraschenderweise bietet der Eiger Express zum Eigergletscher koreanische Unterhaltung und für einen Moment fühle ich mich nach Seoul versetzt, abgesehen natürlich von dem atemberaubenden Panorama um mich herum. Oben angekommen begeben wir uns auf den Eiger Trail, auf dem die Wandergruppen schon zahlreich unterwegs sind und bald schon zeichnet sich der Klettersteig ab.
Am Rotstock-Klettersteig fühlt man sich wie in einer Miniaturversion der Eigernordwand. Die Route schlängelt sich durch eine beeindruckende 260-Meter-Wand, ein Teil des majestätischen Eiger-Ausläufers.


