Die Geschichte der Gletscherschlucht Grindelwald: Vom Meeresboden zum ersten Holzsteg
1857 endete der Untere Grindelwaldgletscher rund 200 Meter weiter unten im Tal als der heutige Schluchteingang. Wo du heute über Stege gehst, lag damals Eis. Keine Attraktion, keine Kasse, kein Weg. Nur ein Gletscher, vor dem die Einheimischen vor allem eines hatten: Respekt.
Wie aus diesem Ort eine der ältesten Tourismusattraktionen Grindelwalds wurde, erzählt Marco Bomio im Video. Der Bergführer und Lokalhistoriker kennt die Schlucht so gut wie kaum jemand.
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Was im Video in wenigen Minuten Platz hat, holt dieser Artikel im Detail nach. Die Geschichte beginnt 150 Millionen Jahre vor dem ersten Touristen.
Vom Meeresboden zu 300 Meter hohen Wänden
Vor über 150 Millionen Jahren lag hier ein Meer. Auf dem Meeresboden lagerten sich Sedimente ab, aus denen Kalkstein entstand. Vor rund 15 Millionen Jahren wurde dieser Kalkstein zu den Bergen aufgefaltet, die heute über Grindelwald stehen.
Die Schlucht selbst ist das Werk von Wasser und Eis. Während sich das Gestein hob, floss ständig Wasser talwärts. Zusammen mit Geröll und Steinen hatte es genug Kraft, den Fels bis zu 300 Meter tief einzuschneiden. Der Gletscher wirkte zusätzlich wie ein Hobel: Er schliff die Wände glatt und hinterliess die Gletscherschliffe, die du heute noch an vielen Stellen siehst. Schmelzwasser bohrte unter hohem Druck runde Gletschertöpfe in den Fels.
In der letzten Eiszeit, vor 10'000 bis 20'000 Jahren, war fast die ganze Schweiz von Eis bedeckt. Danach kamen und gingen die Gletscher immer wieder. Die Schlucht blieb dabei über lange Zeit unzugänglich: Sie war schlicht voller Eis.
Als der Gletscher das Dorf bedrohte
Um 1600 erreichte der Untere Grindelwaldgletscher einen historischen Höchststand. Die Eismassen drangen so weit ins Tal vor, dass ein Teil des Dorfes verlegt werden musste. Zeitgenössische Berichte beschreiben, wie der Gletscher ein Haus nach dem anderen überfuhr. Der Gletscher war keine Sehenswürdigkeit. Er war eine Bedrohung für Höfe, Weiden und Existenzen.
Im 18. Jahrhundert änderte sich der Blick. Naturforscher begannen, den Gletscher zu studieren, Maler hielten ihn fest. Caspar Wolf malte die Gletscherzunge 1774 und 1777, mit Eistürmen am Ende der Zunge, die seit über einem Jahrhundert nicht mehr existieren. Seine Bilder gehören heute zu den wichtigsten Dokumenten der Gletschergeschichte im Alpenraum.
Der letzte grosse Hochstand folgte Mitte des 19. Jahrhunderts. 1857 reichte das Eis noch bis rund 200 Meter unterhalb des heutigen Schluchteingangs.
Wie die Schlucht heute aussieht, siehst du auf der Aktivitätsseite der Gletscherschlucht Grindelwald. Geöffnet von Mai bis November, Tickets vor Ort.
Eis für Paris, Marmor für die Steinbrüche
Bevor der Tourismus zur Haupteinnahmequelle wurde, war die Schlucht ein Rohstofflager.
Um 1740 begann am Rand der Gletscherzunge der Abbau von Marmor. Das Gestein kommt in mehreren Farben vor: rosa, schwarz mit weissen Adern, grün, mehrfarbig. Der vorstossende Gletscher begrub den Steinbruch allerdings immer wieder unter sich, teilweise für Jahrzehnte. Erst als das Eis nach 1864 erneut zurückwich, wurde der Abbau intensiviert. Im selben Jahr beschrieb der Berner Geologe Edmund von Fellenberg den rosafarbenen Marmor. Entlang des heutigen Stegs ist der farbige Marmor direkt in den Wänden sichtbar.
Noch lukrativer war das Eis. 1863 erhielt die Berner Firma Schegg & Böhlen eine Konzession für den kommerziellen Eisabbau. Eine eigens gebaute Strasse führte von Grindelwald-Grund an die Gletscherzunge. Die Blöcke gingen per Bahn nach Interlaken und weiter in Hotels und Spitäler der ganzen Schweiz, wo sie Lebensmittel und Medikamente kühlten. Schriftliche Belege zeigen Lieferungen bis nach Paris und Prag. Im Rekordjahr 1864 wurden 17'473 Zentner Eis abgebaut. Das Geschäft endete erst 1914, als künstliche Kühlung das Gletschereis überflüssig machte.
Die Brüder Schläppi und der erste Steg
Solange die Schlucht voller Eis war, blieb sie unzugänglich. Für die ersten Touristen schlugen Einheimische Höhlen ins Eis, damit Besucher den Gletscher von innen sehen konnten. Auch das war bereits eine Einnahmequelle.
Um 1875 war das Eis im unteren Schluchtbereich verschwunden. Zwei Brüder mit dem Namen Schläppi bauten einen hölzernen Steg in die Schlucht, damit Besucher sie betreten konnten. Und sie liessen sich mehr einfallen als nur den Steg: Sie stellten einen Mörser auf, eine Art Kanone. Wer 50 Centimes bezahlte, so hiessen die Rappen damals nach französischem Vorbild, gab viel Geld aus:
Ein Arbeiter verdiente in der Region rund 2 bis 3 Franken pro Tag, der Kanonenschuss kostete also gut anderthalb Arbeitsstunden. Auf heutige Löhne umgerechnet sind das etwa 50 Franken.
Dafür wurde ein Schuss abgefeuert, und das Echo hallte durch die Schlucht.
Der Unterhalt der Holzstege war von Anfang an aufwendig und gefährlich. Die Arbeiten fanden möglichst im Winter statt, bei Schnee, Eisstürzen und Lawinengefahr. Der Aufwand wurde so gross, dass im 20. Jahrhundert der Kurverein die Schlucht übernahm und weiter ausbaute. Später kamen die Tunnel dazu, in den Fels gesprengt und gehauen.
Was davon heute noch Alltag ist
Der Mörser ist weg, der Eisabbau Geschichte. Geblieben ist der Aufwand. Jeden Frühling, bevor die Schlucht öffnet, kontrollieren Bergführerinnen und Bergführer die Wände auf losen Fels, hängend am Seil. Erst danach öffnen die Stege.
Die Schlucht ist damit seit rund 150 Jahren durchgehend ein gepflegter Weg durch ein Stück Erdgeschichte. Was sich verändert hat, ist der Blick darauf: Aus der Bedrohung von 1600 wurde ein Ort, an dem sich der Rückzug der Gletscher direkter ablesen lässt als fast überall sonst in den Alpen.
Wie sich der Besuch heute anfühlt, vom Eingang bis zum Spiderweb, liest du im Hauptartikel: Gletscherschlucht Grindelwald - Was der Gletscher zurückliess. Oder du gehst den Weg selbst: Gletscherschlucht Grindelwald besuchen. Mai bis November, im Sommer täglich bis 20 Uhr, Tickets vor Ort.



















