Durchsteigung der Eigernordwand
Kletttere die Eiger Nordwand
Der faszinierende Bericht von Dan Moores
"Looking at the air beneath your feet you feel part way to heaven."
Er ist einer der eindrucksvollsten Gipfel der Alpen – und seine Nordwand gilt als Mythos. In diesem sehr persönlichen Bericht erzählt IVBV-Bergführer Dan Moore von seiner Durchsteigung der Eigernordwand. Ein Erlebnis, das nicht nur Technik, sondern auch Mut, mentale Stärke und Demut vor der Natur verlangt.
Mein Name ist Dan Moore, IVBV-Bergführer, ursprünglich aus dem Vereinigten Königreich. Mittlerweile bin ich im Berner Oberland richtig zuhause. Ich liebe alles an dieser Region und freue mich jeden Tag darauf, sie gemeinsam mit meinen Gästen zu erkunden.
Die Nachricht
Früher Morgen. Das Telefon vibriert. Ich lese die SMS mit müden Augen. Sie ist von Mario. Die Nachricht lautet: „Die Nordwand hat gute Verhältnisse! Was machst du nächste Woche?".
Im nächsten Augenblick bin ich hellwach. Sofort weiss ich, dass es keine Frage ist, wir werden es probieren! Obwohl ich diese Route noch nie geklettert bin, kenne ich sie besser als jede andere. Sie ist in mein Gedächtnis eingebrannt, eingeprägt durch die jahrelange Lektüre von Büchern wie «Die weisse Spinne», «Sternenlicht und Sturm» und «Die Berge meines Lebens». Der Eiger, der Berg meiner Träume, steht direkt vor mir. Ich fühle mich nicht bereit. Kann man jemals bereit sein für so etwas? Wenn ich es jetzt nicht versuche, wann dann? Ich rufe Mario zurück: „Lass es uns versuchen!"
Die Vorbereitung
Wir haben drei Tage Zeit uns vorzubereiten. Ich bin so nervös, dass ich kaum etwas essen kann. Mein Magen knurrt und meine Gedanken kreisen, aber ich gehe in aller Ruhe meine Ausrüstung, die Kleidung und das benötigte Essen durch. Jede Kleinigkeit wird abgewogen. Ich überprüfe meine Eisgeräte, schärfe die Spitzen am letzten Abend zu Hause. Ich sitze meiner Partnerin gegenüber am Küchentisch, aber meine wilden, weiten, unbeirrbaren Augen starren nach unten und links in die Ewigkeit. Einmal fange ich ihren besorgten Blick auf und reisse mich mit einem tiefen Seufzer, einem Kopfschütteln aus der Trance. Im nächsten Moment bin ich wieder weg. Verloren. Am Abend klopft Mario an die Tür. Es ist real. Es passiert.
Die Zweifel
In der Nacht in der Unterkunft liege ich wach im Bett und denke an all die Stellen, an denen ich ausrutschen und sterben könnte; daran, dass ich es nicht in einem Zug schaffe und biwakieren muss; daran, dass ich den Rucksack, einen Handschuh oder den Kocher fallen lasse; daran, dass ich mich verlaufe oder dass mir nach zwei Dritteln des Aufstiegs die Kraft ausgeht; daran, dass ich nicht bereit bin, nicht genug Erfahrung habe.
Aber die Weichen sind gestellt, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die Stunden vergehen wie im Flug, ohne Schlaf. Um Mitternacht klingelt der Wecker, und ich denke: Schaffe ich das? Während wir loslaufen, geht mein Kopfkino weiter:
Der Abstieg
Aber dann fangen wir an zu klettern, und die Zweifel verschwinden allmählich. Durch das Knirschen der Steigeisen und das Schlagen der Eisgeräte in den festen Schnee kommt der Geist zur Ruhe. Die Lichter von Grindelwald verschwinden langsam. „Das ist das Stollenloch", sagt Mario. „Schon?!" antworte ich. „Wo ist der schwierige Riss? Ich habe ihn gefunden!" Wir klettern weiter. Steinschlag am zweiten Eisfeldl! Er ist nur klein, aber wir rasen hinüber zum Bügeleisen und hinauf zum Todesbiwak (Karl und Max' höchster Punkt im Jahr 1936). Es wird langsam hell. Dann kommen die Rampe und der Wasserfallkamin. Die Verhältnisse: knochentrocken. Ich stelle mir vor, was die Erstbesteiger durchmachen mussten! Damals kletterten sie durch einen echten Wasserfall, wurden bis auf die Haut durchnässt und biwakierten danach! Verrückt oder unsterblich?
Das Stollenloch – ein geheimnisvoller Zugang
Mitten in der weltberühmten Eigernordwand verbirgt sich ein unscheinbares Fenster: das Stollenloch. Dieser historische Zugang stammt aus der Zeit des Tunnelbaus zur Jungfraubahn – und ist heute nur im Rahmen eines geführten Erlebnisses erreichbar. Genau das bieten wir als exklusiven Team- und Gruppenevent an.
Gemeinsam mit unseren zertifizierten Bergführerinnen und Bergführern steigt ihr in der Jungfraubahn aus, wenige Schritte führen vom Stollen zur Tür – und plötzlich steht ihr mitten in der senkrechten Eigernordwand. Kein Aussichtspunkt, sondern ein einzigartiges Gruppenabenteuer mitten im Fels. Eine Herausforderung, die bewegt, Vertrauen schafft und bleibt!
Beim brüchigen Band werden wir langsamer. Es ist nicht mehr viel Tageslicht übrig. Es ist schliesslich Mitte Dezember, die kürzesten Tage des Jahres. Aber jetzt fühle ich mich entspannt. Wir haben mehr als die Hälfte der Route geschafft. Wir werden es schaffen!
Wenn man den Götterquergang betritt, versteht man wirklich, warum er diesen Namen trägt. Mit so viel Luft unter den Füssen, fühlt man sich ein Stück weit wie im Himmel.
Je weiter wir uns über die Spinne und zum Gipfel hinaufbewegen, desto grösser wird das Gefühl der Verwunderung.
Die majestätische, hoch aufragende Gestalt des Berges krümmt Raum und Zeit um dich herum. Sie umhüllt dich. Wiegt dich. Es ist, als würdest du auf den Schoß deiner Mutter klettern, während sie dich umarmt. Da ist eine Leere, aber keine furchterregende. Eher ein Vakuum, das nichts als Instinkt und Mitgefühl durchlässt und dich von allem Schlechten reinigt; von allem Gier des Egos; von aller Angst, allen Zweifeln und aller Unsicherheit. Alles wird weggespült. Und was bleibt, ist Frieden. Wenn du einen solchen Ort durchschritten hast, erkennst du: Es gibt keine Berge, die man bezwingen kann. Das ist unmöglich. Die Berge sind immer noch da oben, fern, allein: dieselben strahlend weißen Pyramiden, die sie seit Jahrtausenden sind, gen Himmel gerichtet, die Wolken träge bewegend. Und sie werden noch lange da sein, nachdem wir gegangen sind. Dort oben gibt es keinen Kampf zu führen. Nur Bewegung. Nur Leben, in seinem wahrsten Sinne des Wortes.








